Friday, 19. Aug 2005 @522

Flagge zeigen - WJT 2005

Ja, ich war da. Nicht, um den Imperator Papst zu sehen, sondern um gesehen zu werden.

Diverse schwul-lesbische Organisationen hatten aufgerufen — friedlich, ohne große Provokation — zu kommen und Präsenz zu zeigen. Schliesslich gibt es genug christlich gläubige Homosexuelle — was den Papst allerdings nicht an mindestens strittigen Äußerungen hindert.

Und wir kamen. Zuhauf.

Aufstellung an der WDR-Ecke

Nachdem sich zunächst eine große Gruppe am Kölner Jugendzentrum anyway versammelt, und mit Flaggen, Spruchbannern und einem Regenbogenkreuz ausgerüstet hatte, ging es gegen 17:00 Uhr los in Richtung der Ecke an der Mohrenstraße, an der auch der WDR seine Kameras stehen hatte. Sollte ja auch jemand mitbekommen, dass es uns gibt. In der Mitte mit dem Fahrrad: Volker Beck, MdB (Grüne), bekennender schwuler Christ.

Der Pulk mit Volker

Dort stand bereits eine Vielzahl Schwuler und Lesben — die komplette Ecke war quasi “besetzt”, umgeben von Pilgern unterschiedlichster Nationalitäten. Nun hiess es zunächst warten. Lange warten.

Wir überbrückten die Zeit mit feiernden Menschen, untermalt von Samba-Formationen & Gesang. Bis auf einen älteren Herrn, der meinte “Hier an der Ecke war früher ein Knast, da sollte man euch Tunten alle reinstecken!” war die Stimmung bei uns in der Ecke soweit friedlich. Der Mann stand dummerweise übrigens direkt vor Volker Beck, der sich auf eine freundliche, aber bestimmte Auseinandersetzung auch prompt einließ.

Nach dem erfolglosen Versuch des Älteren, die Polizei zu irgendwelchen Räumungsaktionen zu bewegen ging’s dann auch genauso friedlich weiter. Ein paar Meter weiter, an der Grenze zu einigen amerikanischen Pilgern (wieso ausgerechnet…?) muss es nicht ganz so locker gewesen sein; dort kam es wohl mehrfach zu Handgemengen, die allerdings vom Sicherheitspersonal zerstreut werden konnten.

Schilder wie dieses
God's creations
sorgten wie gewünscht dafür, dass einige der anwesenden Pilger nachfragten, man ins Gespräch kam, und so hoffentlich ein wenig zur Verständigung beigetragen werden konnte.

Die Stimmung schaukelte sich ein wenig hoch, als die “Benedetto!”-Rufe einiger Pilger immer häufiger von “Aloha!”-Rufen entgegnet wurden — während einige es scheinbar als Battle auffassten, hob es die Stimmung auch bei immer mehr Jugendlichen der umstehenden Nationen, die sich schließlich auch von den Samba-Rhythmen anstecken ließen.

Immer wieder konzentrierten sich Kameraleute und Fotografen auf “unsere” Ecke, was von der schwul-lesbischen Delegation mit Hochhalten der eigens angefertigten Schilder quittiert wurde:

Kann denn...

Circa drei Stunden später, in denen es immer heißer und enger wurde, kam dann der große Moment: ein aufschwellendes Raunen ging durch die Menge; es steigerte sich zu einem Jubel — verständlicherweise durchzogen von einigen Buhrufen aus der lesbisch-schwulen Ecke. Zum Glück fingen ein paar Leute an, den Papst und Delegation mit “Wir sind alle homosexuell”-Gesängen zu begrüßen, was ein Kippen der Stimmung verhinderte.

In einem Affenzahn fuhr anschliessend eine Wagenkolonne an uns vorbei, mittendrin das Papamobil. Beim Anblick der Regenbogenflaggen und hochgehaltenen Schilder dauerte das Winken des Papstes nur kurz, bis er sich schnell der anderen Straßenseite zuwandte. Ein hinterherfahrender Bischof schaute sichtlich pikiert. Macht aber nichts, da die normalen Gläubigen sich wie erwähnt durchaus offen zeigten (wir ja auch).

Nach gefühlten drei Sekunden war das Spektakel vorbei, alles löste sich auf, und setzte die regulären Feierlichkeiten fort. Mit ein paar Ansichten und Erkenntnissen mehr, und zum Teil neuen Bekannten.

Pikantes Nachspiel: einer der Teilnehmer bekam per SMS mitgeteilt, dass im offiziellen Vatikan-Livestream unsere komplette Ecke ausgepixelt worden war. Das konnte ich bisher leider nicht bestätigen.

12:31 Uhr - Kategorien: Misc

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