Eine passendere Headline wäre vielleicht “Songs von der Verzweiflung über die Oberflächlichkeit der heutigen Welt, insbesondere nach den Erfahrungen von Major Deals direkt beim Debütalbum, und dem Wunsch nach mehr Liebe für die Kleinigkeiten, die wir als selbstverständlich ansehen”.
Aber erstens ist das zu lang, zweitens klingt es wie eine schleimige Kritikerbeschreibung, drittens bin ich zum Glück kein Kritiker, sondern mag einfach Tom Albrechts Musik. Daher erlaube ich mir, nach der (zumindest von mir und anderen Fans) lang erwarteten vorgestrigen Veröffentlichung von Toms zweiten Album “Radio Tom” eine Meinung zu äußern.
Schon sein erstes Album, “Sing”, war zwar mit Sicherheit von seiner Person geprägt (alle Songs waren von ihm und dem damaligen Gitarristen und Co-Writer Frank Herbort), allerdings weiss ich unter anderem aus seinen Erzählungen, dass damals dank der Plattenfirma etliche Abstriche und Kompromisse gemacht werden mussten. Trotzdem war und ist “Sing” ein verflucht gutes Album, leicht melancholisch, wunderschön, aber eben auch zum Teil auf Mainstream getrimmt.
Wenn man genau eins von “Radio Tom” nicht erwarten kann, dann ist es Kompromissbereitschaft. Tom ist erwachsener geworden, musste es auch vermutlich werden. Das klingt zwar jetzt wieder wie Kritikerscheisse, trifft es aber meiner Ansicht nach ganz gut.
In den neuen Songs ist Tom, was die Stilrichtungen angeht, noch experimentierfreudiger geworden. Von gefühlvoller Ballade, über Disco-Pop und Rock, bis hin zu “Sgt. Pepper”-Anmutung: der Mann probiert viel aus. Somit ist der Alben-Titel ganz passend gewählt (auch wenn man wohl kaum noch einen großen Sender mit einer solchen Programmvielfalt findet) — “Radio Tom” zeigt viele Facetten eines jungen Künstlers und ist an keiner Stelle ‘glattgebügelt’.
In “4von7″ beschreibt er genau das Problem, was vermutlich zu dieser Herangehensweise geführt hat. In der Entstehung von “Sing” musste er wohl einmal zuviel ein Lächeln stellen und einmal zuviel hören: “Mach doch mal was positives, so ‘ne Single!”, und beschreibt bitter und aggressiv, dass ihm nun mal an 4 von 7 Tagen die Welt zu schwer wird. In eine ähnliche Kerbe schlägt “Die Party ist vorbei”, welches die zu schnelle Entfremdung von seiner (und unserer) jugendlichen Unbefangenheit darstellt.
Insgesamt ist das Album düsterer. Auf der persönlichen Ebene, etwa bei “Held sein”, das die Geschichte eines nicht beachteten Jungen schildert, der eine Verzweiflungstat begeht, um für einen Tag in den Köpfen der Leute zu sein, oder bei “Ich kann Dich seh’n”, dass von dem nicht verkrafteten Verlust einer geliebten Person und dem folgenden Wahn handelt.
Und auch auf der gesellschaftlichen Ebene, bei Songs wie “Terroranschlag”, der anhand von Schlagzeilen und Werbeslogans die Überfrachtung durch die heutige Nachrichten- und Medienflut schildert, oder bei “Wunderlos”, das die allgemeine Rast- und Orientierungslosigkeit unserer trockenen und faktischen Gesellschaft beklagt.
Aber gleichzeitig vermittelt er auch Hoffnung. Hoffnung darauf, eben die schönen Kleinigkeiten mehr zu genießen, wie etwa in “Schönen Tag”, dass dem Hörer einfach nur genau diesen wünscht. Einfach mal sich selbst Zeit zu gönnen und die Welt draußen zu lassen in “Der Letzte bin ich”. Und vielleicht die (fiktive?) Katastrophe aus “Der Untergang” zu nutzen, um wieder zueinander zu finden und ein bisschen mehr zu lieben.
Auch den restlichen Songs merkt man Toms gesamte emotionale Bandbreite an: Melancholie, Leichtigkeit, Sehnsucht, dem Gefühl, von Schönheit voll getroffen zu werden — aber auch eine Prise Albernheit.
Abschliessendes Fazit nach ein paar Mal hören: mit Sicherheit gewöhnungsbedürftiger als sein Debüt — aber mit ebensolcher Sicherheit Zeit und Geld mehr als wert.
Viel Spaß beim Hören, einen schönen Tag und den einen oder and’ren sonnigen Gedanken!





Neophile Bekenntnisse
Die nahende Weihnachtszeit verleitet mich heute zu einem stillen Bekenntnis.
Ich bin ein Lyrikfetischist.
Oder anders formuliert:
Ich bin neophil.
Nicht nur der gute Rilke – oh jaaaah Baby, jaaaaa – hat es mir angetan. Auch Tom Albrecht.
Trackback von Mythopoeia — Tuesday, 29. Nov 2005 @389 @ 8:20
Sag mal kannst du die Blogsome leute nicht mal verhauen? Die kommen nicht mit einen Trackback-Ping klar. Will man es noch einmal versuchen bekkommt man den freundlichen Hinweis, dass der Trackback schon erstellt worden ist.
Comment von tradem — Tuesday, 29. Nov 2005 @391 @ 8:24
Naja, der Trackback funktioniert schon - nur muss ich einige TBs (und Kommentare) manuell freischalten - unter anderem Deine. Warum? Keine Ahnung. Andere kommen ohne Probleme durch, und das Blogsome-Team kann mir auch nicht sagen, warum. Naja, kostenloser Service von Privatleuten - da kann man sich schlecht beschweren…
Verhauen tue ich sie aber trotzdem gerne, wenn ich das nächste Mal in Irland bin ;)
Comment von diaet — Tuesday, 29. Nov 2005 @615 @ 13:46