Es gibt Ereignisse mit wildfremden Menschen, die laufen mir einige Zeit nach. Menschen, die mir noch nie vorher begegnet sind, und die ich vermutlich nie wieder sehen werde, bringen mich zum Nachdenken über ihre Situation.
Gestern abend, kurz vor acht, ich war auf dem Rückweg vom Büro nach Hause. Da die Zigaretten knapp wurden, beschloss ich, noch kurz beim Supermarkt um die Ecke zu halten.
Vor mir in der Schlange packte ein kleines Mädchen, schätzungsweise elf oder zwölf, einige große Getränkeflaschen, Salat und Eier auf das Band. Sichtlich angestrengt hievte sie alles in einen Metallkorb und bezahlte hektisch.
Wieder draussen ging ich an ihr vorbei in Richtung meines Autos. Auf halber Strecke hörte ich ein lautes Krachen und Poltern. Ich drehte mich um und sah, dass ihr der Korb beim Versuch, loszufahren, vom Gepäckträger ihres Fahrrads gefallen war. Ein paar der Flaschen rollten in meine Richtung und ich lief los, um sie abzufangen und aufzuheben. Bei dem Mädchen angekommen, half ich ihr, alles wieder einzuräumen, und erinnerte mich, dass sie ja auch Eier eingekauft hatte. Ich fragte, ob diese denn ganz geblieben seien. Wir schauten nach - natürlich waren fast alle kaputt.
Die Kleine fing sofort an zu schluchzen, brach in Tränen aus, und seufzte, “Scheisse, jetzt krieg’ ich schon wieder Ärger”. Mein erster Gedanke war: “Wer schickt denn um diese Zeit noch ein Kind los, um viel zu viele und zu schwere Dinge einzukaufen, und macht dann auch noch Ärger, wenn ein paar Eier zu Bruch gehen? Ein paar Eier, verdammt!”
Ich versuchte sie zu beruhigen, dass sowas doch passieren könne, und der Korb ja auch mit den Flaschen arges Übergewicht hatte, doch sie stammelte weiter diesen einen Satz. Während an uns vollkommen desinteressiert andere Einkäufer vorübergingen, überlegte ich ernsthaft, mitzugehen, und den Eltern die Hölle heiss zu machen.
Ich fragte, ob sie wüsste, was sie bezahlt hat. Das unterbrach die Tränen zum Glück. Sie schaute auf dem Kassenbon nach und sagte es mir. Ich schaute in mein Portemonnaie, kratzte mein Kleingeld zusammen, gab es ihr, und sagte: “Spring schnell rein, noch haben sie auf, und hol neue. Geht ja wohl nicht, dass Du für ein paar kaputte Eier jetzt auch noch Ärger bekommst.”
Sichtlich beruhigt und glücklich tat sie das dann auch. Als sie kurze Zeit später wieder rauskam, half ich ihr noch, alles halbwegs sicher zu verstauen, sie bedankte sich nochmal, und schob das Fahrrad vorsichtig nach Hause.
Ich hoffe, die Eier haben überlebt. Und ich hoffe, ihr geht es gut. Obwohl ich es nicht so recht glauben kann.





Schön dein Mitgefühl - wenn du zu den Eltern gehst komm ich mit. LG somlu
Comment von somlu — Friday, 16. Dec 2005 @910 @ 20:50
mehr menschen von deiner sorte und john lennon hätte recht behalten…
Comment von rene — Friday, 16. Dec 2005 @020 @ 23:28
Gut gemacht, aber ein Besuch bei den Eltern würde in so einem Fall wohl leider auch nicht viel bringen, traurig aber wahr :(
Comment von Bastian — Saturday, 17. Dec 2005 @640 @ 14:22