Wednesday, 31. May 2006 @649

Gerüche meines Lebens

Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, die voller intensiver Gerüche steckt.

Zum einen, weil eine traditionelle Zuckerrübenfabrik (die natürlich keine Zuckerrüben produzierte, sondern verarbeitete) noch Ewigkeiten nach meiner Geburt in Betrieb war, lange vor dem ganzen künstlichen Scheiss oder Fruchtzucker. Zum anderen, weil Dormagen eine Chemiestadt ist. Ein großes Bayerwerk, welches auch lange die meisten Arbeitsplätze, Wohnungen und Infrastruktur stellte. Und direkt neben dran, wie es sich für einen Kunststoffstandort gehört, die Erdölchemie, heute alles bp.

Beides sorgte in meiner Kindheit für unverwechselbare Geruchserfahrungen. Zuckerrübenabfälle erzeugen mitunter einen Geruch, der mich irgendwie immer an Getreidefelder erinnerte. Und Erdöl… naja, kann man sich ja denken. Riecht halt nach Öl. (Besonders schön war in diesem Zusammenhang die Explosion eines Tankers direkt an der Anlegestelle, die für eine spannende Nacht mit Lappen vor Mund und Nase, ohne Schlaf und für wochenlangen Benzingeruch im Umkreis von einigen Kilometern gesorgt hat.)

Gelegentlich, bei (un)günstigen Windverhältnissen kommt auch noch eine Kläranlage dazu, aber das ist ein anderes Thema.

Irgendwann kam dann die Schulzeit. Das intensivste, woran ich mich hier erinnere, war die lustige Tüte längst saurer Milch, die ein Spaßvogel in die hinterste Ecke eines Schrankes gepackt hat. Noch Wochen nach dem Fund und der folgenden Entsorgung hielt man es kaum ohne Übelkeit im Klassenraum aus.

Einige Jahre später wurde dieser wichtige Eindruck abgelöst von einem noch wichtigeren: dem Geruch nach Pizzen Marke “Wagenrad extra scharf mit viel Knoblauch”, regelmäßig bei Theaterproben oder auch privat beim gemeinsamen Schauen von “Akte X” oder ähnlichem mit Freunden. Den zweiten prägnanten Geruch dieser Zeit gab es im Schulkeller, in unserem Bandproberaum, der irgendwann regelmäßig nach vermutlich eher schlechtem Gras roch.

Zu meinem Zivildienst kamen dann wieder neue Gerüche auf: ich, schwul, im Krankenhaus ausgerechnet auf der gynäkologischen Station gelandet (das ist mal Ironie, oder?), die dann auch noch eher onkologischer Natur war. Den Rest erspare ich mir und euch.

Irgendwann kam dann mein erster regulärer Arbeitsplatz. Im Cologne Broadcast Center, unter einem Wellblechdach. Roch im Sommer ungefähr so wie eine verstaubte Heizung, die jemand auf höchste Stufe gestellt hat. Ihr wisst, was ich meine?

Das nächste Büro befand sich, wie ihr vielleicht schon wisst, in einem Gebäude zusammen mit einem Tonstudio. Irgendwie kam da ein vertrauter Geruch wieder, gerade wenn Bands da waren. Ob nun Jazzer, Hip-Hopper, Rocker — irgendwie roch es häufig nach: genau, Gras. (Wie ich allerdings neidlos anerkennen muss meistens wohl besserer Qualität als damals.) Das Büro hat sich nun ja allerdings erledigt.

Und wie komme ich jetzt darauf?

Ganz einfach: das neue Büro ist über einem Schnellimbiss. Und ich überlege, mir ein Schild anzufertigen, das die einmal im Monat darauf hinweist, dass sie das Frittenfett mal wieder wechseln sollten.

15:35 Uhr - Kategorien: Misc, Eher tragisch

3 Kommentare »

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  1. Intensive Gerüche in meiner Kindheit waren einmal die Jasmin-Sträucher, aus deren Blüten wir versucht haben Honig herauszusaugen und Anis. Denn solang ich mich zurück erinnern kann, hat meine Familie Wellensittiche gehabt und in Vogelsand, den man auf den Käfigboden streut, ist auch Anis drin. Sodass ich bei Ouzo und Hustenmitteln immer Vogeldreck assoziiere…
    Außerdem ist für mich der erste Frühlingstag, wenn man wieder auffällig Gerüche wahrnimmt, auch negative wie Kuhdung oder so; ich hab dann das Gefühl, das alles jetzt endgültig auftaut und anfängt zu riechen.

    Comment von urpl — Wednesday, 31. May 2006 @804 @ 19:18

  2. Bei Ouzo denke ich immer an meine Mäuse - ebenfalls Vogelsand im Terrarium. Das mit dem Frühlingstag (selbst mit den negativen Gerüchen) finde ich schön formuliert :)

    Und verdammt: ich habe die Filzstifte für die Playmobil-Zebras vergessen! Marzipan!

    Comment von diaet — Wednesday, 31. May 2006 @808 @ 19:23

  3. Du hast noch die Bierbrauerei vergessen….

    Comment von Mishkin — Thursday, 1. Jun 2006 @429 @ 10:18

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