Tuesday, 13. Jun 2006 @627

Is ja voll schwul

Ähnlich wie bei uns, bekommen auch im Englischen ständig Worte eine neue Bedeutung, vorwiegend in der Jugendsprache.

Eine dieser Wortwandlungen ist ziemlich deckungsgleich: sowohl das englische “gay” als auch das deutsche “schwul” werden in jüngeren Generationen zunehmend mit einer abwertenden Bedeutung genutzt. Dem BBC-Radiomoderator Chris Moyles beschert das nun gerade Ärger: um an seiner Zielgruppe dranzubleiben, hatte er in einer seiner Sendungen einen Klingelton, den er nicht gut fand mit den Worten “I don’t want that one, it’s gay.” abgelehnt.

Die BBC governors (so etwas wie der Rundfunkrat?) verwiesen darauf, dass das Wort sich in seiner Bedutung nun mal verändert habe, und zu erwarten war, dass Moyles es in seiner Sendung verwenden würde, ohne es als homophobe Beleidigung zu sehen.

Natürlich regten sich Proteststürme - unter anderem seitens der Kinderschutzvereinigung(!) “Beat Bullying”, deren Vorsitzender John Quinn dazu nur anmerkte:

“While the BBC claims the word gay has evolved into meaning ‘lame’, this is only because people identify being called gay as undesirable, therefore giving power to that term.” - “The BBC have just greenlighted the use of gay as a derogatory word. Therefore, the BBC have given credence to the idea that being gay is bad.”
(Quelle)

Ich kann diese Einschätzung unterschreiben - wenn auch mir klar ist, dass es wirklich normaler Bestandteil der Umgangssprache geworden ist. Ich weiss, dass einem jungen, ungeouteten Schwulen damit subtil tagtäglich eingeimpft werden kann, dass er etwas “minderwertiges” sei. (Bei mir selbst hat es sich allerdings auch als Outing-Hilfe bei Freunden entpuppt, als einer zu irgendetwas sagte “Das ist ja voll schwul!” und ich nur ein “Nein, das ist Scheisse. Schwul bin ich.” entgegnete. Danach haben sie eine Weile etwas genauer auf die Wortwahl geachtet. Aber auch nur eine Weile.)

Frage ist: wie geht man mit so etwas um? Kann man wirklich die lebende Sprache unter Regeln stellen, die solche Effekte verhindern? Wo liegen dann aber die Grenzen zum “Neusprech-Diktionär”? Was meint ihr?

4 Kommentare »

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  1. Mir und Kollegen rutscht das auch immer wieder raus, man kann eben nicht immer politisch korrekt sein. Und ich will über sowas auch nicht weiter nachdenken. Is doch voll schwul ;-)

    Comment von rene — Tuesday, 13. Jun 2006 @736 @ 17:40

  2. Abgesehen davon, dass ich hoffentlich weiss, wie ich Deinen Beitrag zu nehmen habe ;) :

    eben da kommt ja das Problem ins Spiel - wir (ich schliesse mich da voll ein) tun das als ‘politisch korrekt’ ab. Wenn Du aber selber in einer Vor-Cofming-Out-Phase steckst, ist es ein echtes Problem - weil neben den ganzen Witzeleien, Anspielungen etc., die es ohnehin schon gibt, genau sowas wirklich zu einem “was ich fühle, ist falsch, weil es so nicht sein darf”-Gefühl führt, was unglaublich schnell verinnerlicht werden kann. Und DAS ist wirklich voll schwul ;)

    Comment von diaet — Wednesday, 14. Jun 2006 @072 @ 1:44

  3. Du hast vollkommen recht, Jan. Einem im Comming Out befindlichen jungen Kerl mag die gebrauchsweise von “schwul” zu schaffen machen. Ähnliches düfte für das Wort “nigger” gelten. Was habe ich schon für Diskussionen mit meinen Dad über dieses Wort und seine politische Korrektheit geführt…
    Allerdings kann man einer Sprache kein politsche korrektes Geschirr anziehen. Oder soll man Jugendlichen einen Maulkorb verpassen? Das haben schon andere mit ihren Ideologien versucht und das sollte man nicht tun. Wichitger ist es gegenseitges Verständnis zu fördern. An Schulen und überhaupt im gesellschaftlichem Leben. Holzhammermedien die unreflektierte Stammtischparaolen publizieren (welche Blatt meine ich hier nur ;) ) sind hier leider keine Hilfe.
    Brisantes Thema, ein Dialog der auf einer abstrakteren Ebene geführt werden muß. Doch statt dessen versuchen Politker das Antitdiskrimmierungsgesetz erst einmal zu kippen. Mit feidenscheingen Argumente. Ist doch viel einfacher etwas zu irgnoieren als es zuminest ansatzweise versuchen zu verstehen.

    Verstehen statt Verbieten, Zuhören statt zu Ignoieren, Aufeinander zugehen statt zu lamentieren. Aber wäre das nicht fast schon Utopia?

    Comment von Toby — Thursday, 15. Jun 2006 @515 @ 12:22

  4. Mobilmachung, frei assoziiert: Ein Anfang

    “Eine Politik der Härte “verschlankt” den Staat, “vermarktet” die Gesellschaft und “ermächtigt” das Individuum. Dies ist jedenfalls ihre Grammatik. (…) Wollte man nach einem zivilen Pendant zum Gladiatorenschauspiel suchen, dann wäre es wah…

    Trackback von Metalust & Subdiskurse — Monday, 31. Jul 2006 @401 @ 9:37

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