Thursday, 4. Jan 2007 @681

Manchmal muss man Links setzen

Auch wenn es einem selbst davor graut. Nein, ich rede nicht von Links zur Ermordung ehemaliger Diktatoren. Über die schreiben zum Glück im Moment schon genug Leute - und denken zum Glück auch noch etliche mehr nach. Und hinterfragen. Und diskutieren.

Nein, ich rede von einem unsäglichen Artikel, der mich vielleicht endgültig dazu bringt, die Buchstaben “spiegel.de” nie wieder in meine Adressleiste zu tippen. Das bekannte Blog Online-Magazin lässt nämlich Chef-Polemiker Henry M. Broder in die Zukunft blicken. Oder wohl eher in seine Psyche.

“Wehe, wer den Muezzin stört” heißt sein Erguss. Und anders möchte ich selbigen auch nicht betiteln, denn wenn das Satire sein soll, dann ist die Tageszeitung mit den vier großen Buchstaben das seriöseste Nachrichtenmagazin in diesem Land.

Broder beginnt zunächst mit tatsächlichen Ereignissen, die einen wohl nachdenklich machen dürfen: übertriebene vorgreifende Rücksichtnahme, was christliche Symbole angeht, Kopftuch-Anekdoten, geplante Krankenhäuser für Muslime — Moment. Geplante? Richtig: “Der Plan wurde nicht verwirklicht, unter anderem auch deswegen, weil sich die als besonders orthodox geltende islamische Gemeinschaft Milli Görüs dagegen aussprach. Imame als Seelsorger, Gebetsräume und ein islamische Bedürfnisse respektierender Speiseplan zählten in den meisten Krankenhäusern längst zum Standard.” Aber das nur als Fußnote (wie auch mein persönlicher Zusatz, dass in den mir bekannten Krankenhäusern hierzulande Freitags prinzipiell Fisch gereicht wird, koschere Zubereitung Speisen (beim Schächten bin ich nicht sicher) eine Selbstverständlichkeit sind, und selbst Vegetarier auf ihre Kosten kommen. Und die haben noch nicht mal eine gesonderte Religion.)

Von sowas lässt sich Broder allerdings nicht irritieren. Wer den Mann jemals in einer Diskussionsrunde erlebt hat oder seine restlichen Artikel kennt, kann ahnen, warum: sein Crescendo zielt lediglich darauf ab, seine Schreckensprojektion gebührend einzuleiten. Für die, die sich durch den Wust nicht quälen wollen: im Frühjahr dieses Jahres ‘wurden’ in den Niederlanden (von Broder, ganz politisch unkorrekt, als “Holland” bezeichnet) die ersten “autonomen Quartiere” von Moslem-Rebellen eingeführt; von dort aus ‘breitete’ sich das Phänomen durch Europa aus; Kooperationsräte; Koedukationsschulen; “Wort zum Freitag”… Zur Abrundung noch der Versuch “rhetorischer” Fragen, schließlich ist Schweinefleisch ja eh nicht gesund, Verbote von Freizügigkeit können ja auch was tolles sein, etc. pp.

“Waren diese Verzichte nicht ein angemessener Preis, um einen endlosen Kulturkampf zu vermeiden?” fragt er, und es ist blanker Hohn, denn er selbst konstruiert einen endlosen Kampf — weil er seiner selbsterkorenen Gegenseite unterstellt, endlos gleich zu bleiben, und seiner ebenso selbsterkorenen eigenen Seite, sie sei zu weich und zu zulassend. Auf die von ihm selbst angedeutete dritte Option neben “Sieg” und “Niederlage” hingegen kommt er nicht.

Er stilisiert den Islam zur Windmühle, gegen die er als einzig Mutiger kämpft, weil alle anderen lieber einknicken. Er übersieht, dass er als Radikaler nur noch Radikales zu sehen vermag - ob es um Probleme oder um Lösungen geht. Nur schwarz und weiß. Und so einer schreibt auf Spiegel online.

Um es mit René zu sagen: Ja, ich bin wütend.

2 Kommentare »

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  1. Wer Broder liest, hat sonst nix zu tun. Ich habe mir, bevor ich noch anfange Broder zu lesen, einen Popel aus der Nase gezogen und ihn 2 Stunden lang angestarrt. War befriedigender als Broder lesen. Und nur halb so ekelig.

    Comment von Ralf — Friday, 5. Jan 2007 @621 @ 13:54

  2. Oh glaub mir Ralf: zu tun habe ich genug. Der Masochist in mir wollte wohl unbedingt wissen, wie weit dieser Mensch geht.

    Ansonsten kann ich Deinem Kommentar nur beipflichten. Das mit dem Popel als Alternative überlege ich mir noch ;)

    Comment von diaet — Friday, 5. Jan 2007 @625 @ 14:00

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