Widersprüche können attraktiv und interessant sein, dem stimme ich mittlerweile vorbehaltlos zu. Meiner Meinung nach dürfen und müssen Widersprüche bei Menschen erlaubt sein. Sie gehören dazu. Zumindest sind alle Menschen, die ich kennenlernen durfte, die versucht haben, sich von ihren ureigensten Gegensätzlichkeiten zu distanzieren, dabei meistens über kurz oder lang vollkommen ins Schleudern - und in Widersprüchlichkeiten gelangt.
Nicht, dass ich das Ideal nicht nachvollziehen könnte. Aber Ideale haben häufig das Problem, dass sie, selbst wenn man es hundertzwanzigprozentig versucht, nicht erreicht. Vielleicht liegt das ja auch in der Natur des Ideals. Vielleicht ist das auch gar kein Problem, sondern gut so, weil man sonst nichts mehr zu erstreben hätte, und vollkommen langweilig wird. Vielleicht sogar tot.
Ich bin sowas. Also widersprüchlich. Total. Hoffe ich, denn ich strebe gerne, und bin gerne interessant, obwohl mir letzeres eigentlich scheißegal ist. Oder halt vielleicht auch nicht.
Ich blicke auf meinungsbefreite reine Popkonsumenten herab - und gucke mit größtem Vergnügen gelegentlich Casting-Shows, singe leidenschaftlich gerne emotionale, aber mitunter wahnsinnig flache und auf Erfolg getrimmte Balladen. Ich lese das “Schwarzbuch Markenfirmen” oder auch (gerne übertrieben polemische) Bücher von Albrecht Müller, während ich Bahn fahre - und trage dabei Nike-Sportschuhe. Gut, letztere haben mich wirklich den ein oder anderen Gedanken gekostet, aber erstens sahen sie gut aus, zweitens habe ich denen mit dem Auslaufmodell im Sonderverkauf nicht mehr den wahnsinnigen Gewinn beschert, drittens aber brauchte ich neue Schuhe und trage sie auch, bis sie zerfallen. Jetzt im Sommer trage ich eh lieber Lederschuhe, bei denen ich im Vorfeld nachgeschaut habe, woher sie kommen und wie sie produziert wurden. Teurer waren sie dadurch nicht wirklich.
Genau so wenig, wie der fair gehandelte Kaffee, den ich schon seit einiger Zeit kaufe. Je nach Supermarkt ist der sogar günstiger. Das Fleisch vom Metzger oder Markt, bei dem ich nach der Herkunft fragen oder sie auf Schildern mitgeteilt bekommen kann - da bin ich bewusst. Bei meinen Zigaretten hingegen habe ich keine Ahnung, wo die herkommen. Also gut: eine Ahnung vielleicht schon, aber nach fair gehandelten Kippen habe ich noch nicht wirklich geschaut.
Ein Auto ist für mich etwas, das mich von A nach B bringt - und solange es das tut, muss es dabei nicht zwingend auch noch schick aussehen. Wer meine bisherigen Autos kennt, wird mir da zustimmen. Aber in letzter Zeit fahre ich eh lieber Bahn, weil es mit Sicherheit sinnvoller ist, als wenn ich mich jeden Morgen alleine in meine Karre setze, und außerdem ist ein Monatsticket billiger als jeder Autounterhalt. Ganz abgesehen von der Zeit und den Nerven, die ich sinnbringender einsetze. Und trotzdem: selbst hier kann ich ein schlechtes Gewissen ob meiner Inkonsequenz haben: sehr vorbildlich behandelt die Bahn spätestens seit ihrer Privatisierung weder die Kunden noch die Angestellten. Oder die Strecken. Gut, die Gehälter der Chefetagen vielleicht, aber das hilft gerade nicht weiter.
Ich brauche, trotz Selbständigkeit, und somit einer gewissen (erzwungenen) Business-Attitüde nicht immer das neueste Handy. Verdammt - kann das Ding telefonieren? Dann nehme ich’s. Solange es nicht auseinanderfällt, oder teurer im Stromverbrauch ist als mein erster S6-Knochen (was nahezu unmöglich ist): bitte.
Aber, verdammt: gerade frage ich mich ganz akut, wie ich es die ganze Zeit mit dem (jetzt kaputten) 512-MB-MP3-Stick aushalten konnte, während ich mir auf dem 6-GB-Player gerade meine Lieblinge aus der Sammlung aussuchen kann…
Wer Widersprüche findet, darf sie behalten. Ich behalte meine für’s erste auch.





Widersprüche machen lebendig. Das andere ist meist grausamer Dogmatismus und schließt dann sowohl Humor als auch jede Form von Lust aus. Also lieber widersprüchlich bleiben. Aber nicht beliebig werden.
Comment von johnny — Wednesday, 18. Jul 2007 @500 @ 12:01
Oh ja, der Dogmatismus. Genau der hat mich glaube ich in letzter Zeit zum einen oder anderen Kommentar und auch diesem Artikel bewogen. Vor allem, weil ja häufig tatsächlich die “Beliebigkeit” als Vorwurf kam. Ich hoffe, gegen die mache ich mir weiterhin genug Gedanken.
Comment von diaet — Wednesday, 18. Jul 2007 @953 @ 22:53