Wednesday, 17. Oct 2007 @054

Kunst kommt von Können… nicht

Das erste Mal ist es mir beim Photoshop passiert. Vielleicht sogar schon früher, aber bei meinen frühen Vektorversuchen ist es mir noch nicht so aufgefallen. Selbst mit MS Paint habe ich Grenzen erkundet, beziehungsweise: erst gar keine gesehen. Oder sie ignoriert.

Im Photoshop, wie gesagt, ist es mir zuerst bewusst passiert. Früher, da habe ich in dieser tollen Software noch ohne Rücksicht auf Verluste Enten mehrere zusätzliche Beine verpasst, um sie zu Insektenten umzuwandeln; habe mir ein Bild mit einem Wasservogel am Strand geschnappt, um ihn in eine kleine Legion von Wasservögeln am Strand zu verwandeln.

Ich habe bei Layouts mit Formen gespielt, habe rücksichtslos Effekte und Filter in abstrusen Kombinationen ausprobiert, Fotos verfremdet, Collagen erstellt, ohne Sinn und Verstand miteinander vermengt - und dabei immer mehr gelernt. Immer mehr Können erworben.

Ich habe Actions erstellt, bloß um bestimmte Effekte einfach mal zu automatisieren, ich habe Bilder retuschiert, und geschaut, wie weit ich gehen kann, Tutorials und Workshops noch und nöcher durchgeackert… und irgendwann fiel mir etwas auf:

Durch das Können ging die Kunst verloren.

Man konnte mir zurufen: “Hey, können wir das was technoider haben, vielleicht was kühler, das Lächeln sieht auch nicht wirklich nett aus, und geht da noch ein anderer Hintergrund?” Kein Problem. Fingerübung. “da wär doch so ein Effekt wie der von blablabla ganz nett, bekommen wir das hin?” Kurz angeschaut, gewusst wie, fertig. “Machst Du mal das Layout da noch?” Ja klar, Raster angelegt, mit den üblichen Formen kurz gespielt, die Typo was nett gemacht… aber kreativ?

Im Endeffekt muss ich mittlerweile sagen: die Kreativität ging (zumindest teilweise) flöten. Je weiter ich im Designbereich tätig wurde, desto häufiger wurden es Standards, Dinge, von denen ich eben wusste, dass und wie sie funktionieren. Einfach mal drauf losexperimentieren? Fehlanzeige. Oder zumindest immer seltener.

Lange habe ich es darauf geschoben, dass gerade in beruflicher Hinsicht häufig nunmal kaum bis keine Experimente möglich sind; man langsam auch weiß, was technisch geht, was nicht; welche Elemente ein User versteht; tja, wären das alles Künstlerwebsites, dann könnten wir ja drüber reden, aber die Seite soll ja von Otto-Normalverbraucher bedient werden…

Das gleiche war mir aber, zum Beispiel, bei der Musik ebenfalls passiert: zu wissen, wie bestimmte Dinge gemacht werden; zuviel darüber nachzudenken, statt einfach die absolute, ungenormte Intuition und Inspiration aufprallen zu lassen auf das leere Sheet, die leere Timeline, die leere Sekunde - je mehr ich kann, desto mehr wird es vom Können bestimmt. Nicht von der Kunst. Und das ist ein gravierender Unterschied.

Vermutlich tut die Pause Not. Vermutlich muss der Abstand her, um es einfach mal wieder unbefangen angehen zu können.

Vielleicht ist das sogar das einzige Können, was die Kunst wirklich bestimmt.

1:18 Uhr - Kategorien: Misc, Eher tragisch

9 Kommentare »

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  1. Du spricht mir und sicher vielen anderen aus der Seele. Daher haben wir vor ein paar Wochen die “Wonst” erfunden. Wenn “Kunst” von “Können” kommt, dann kommt “Wonst” von “Wollen”… Das erste Wonst-Festival hat vor zwei Wochen stattgefunden und war mit 7 Teilnehmern bereits ein grandioser Erfolg…

    Comment von Artur — Wednesday, 17. Oct 2007 @437 @ 10:29

  2. Die Frage stellt sich wann wollen aufhört und zum können wird!
    Ein Wonstler

    Comment von Jochie — Wednesday, 17. Oct 2007 @463 @ 11:07

  3. Käme Kunst von Können, könnte Künstlichkeit nichts wollen, denn: wer will schon kalkulierte Affekte, es sei: künstliche.

    Comment von MC Winkel — Wednesday, 17. Oct 2007 @538 @ 12:55

  4. “Können” meint nicht alleine das Handwerkliche, sondern auch “Künstler sein können”, was mit Einstellung / Haltung zu tun hat. Wenn du lieber “echter Künstler” wärst, dann sei einer, wenn du kannst. :)

    Man darf sich eben in IT und Neuen Medien nicht einbilden, man sei vorbedingungslos mehr als ein “digitaler Handwerker”, bloß weil man Immaterielles produziert.

    Die Fähigkeit, darüber hinaus zu gehen und künstlerisch-kreativ zu sein, lernt man nicht so einfach - verlernt sie aber schnell durch die handwerklichen “lessons learnt”, die du ja auch beschreibst (Ergebnis x erfordert Prozess a). Insbesondere da in der heutigen mckinseyonierten Arbeitswelt alles schön prozessorientiert abläuft und reibungslos, effektiv und ohne Haken zu funktionieren hat, fehlt häufig einfach der Raum für “Kreatives”. Und es wird deshalb auch nicht unbedingt gelehrt.

    Wenn man Kreativität als Problemlösekompetenz und weniger als freies Experimentieren versteht, dann ist man zwar Dank seiner handwerklichen Fähigkeiten für kreative Aufgaben geeignet, nur werden sie einem vielleicht gar nicht mehr gestellt. Das ist auch in vielen Feldern angebracht (wer braucht “kreative Chirurgen”? problemlösekompetentet - ja; experimentierfreudige - weniger).

    Comment von myom — Wednesday, 17. Oct 2007 @782 @ 18:47

  5. @Artur: wo treffen sich denn die Wonstler? Nur in Stuttgart? Sonst würde ich nämlich teilnehmen wollen

    @myom: ich finde es einen spannenden Punkt, dass Du auf das von außen projizierte und auf die Einstellung und die Haltung eingehst. Ich bin auf keinen Fall im jetzigen Bereich gelandet (Mediendesign), weil ich mir davon unbedingte künstlerische Freiheit erwartet hatte. Das Kreativität unter “reinen Produktionsbedingungen” schnell mal leidet, wird wohl jedem Schaffenden leider irgendwann klar sein oder bewusst werden… Interessant fand ich dabei eher, dass das bei mir auch auf Feldern eintritt, die ich mitnichten “professionell” (also für Geld und zielgerichtet) ausübe, sondern sich das selbe Phänomen auch in anderen Bereichen einstellen kann(!), in denen man sich eine gewisse Kunstfertigkeit aka ein gewisses Können aneignet.

    Natürlich wäre es schön, einfach Künstler zu sein. Vielleicht geht es auch nebeneinander, das rein professionalisierte und das rein künstlerische. Vielleicht muss es sogar nebeneinander, um trotzdem ineinander übergreifen zu können.

    Das Zielgerichtete (nicht bei jedem Flyer kann Kunst entstehen) und das Freie (nicht jede Kunst kann ein Ziel erreichen)…

    Ein weites Thema, an das ich sicherlich noch den einen oder anderen Gedanken verwenden werde.

    Comment von diaet — Wednesday, 17. Oct 2007 @931 @ 22:21

  6. Bisher ist WONST in erster Linie eine Idee, geboren von einer handvoll Leuten, die in ganz Deutschland (und darüber hinaus) verstreut leben. Das erste WONST-Festival hatte ganze 7 Teilnehmer. Es gibt also (noch) keine regelmäßigen Treffen oder Ähnliches - aber eine ganze Reihe von Ideen, was daraus werden könnte. Wenn Du Interesse hast, halte ich Dich gerne auf dem Laufenden!

    Comment von Artur — Thursday, 18. Oct 2007 @511 @ 12:17

  7. Durch das Können ging die Kunst verloren.

    Kann ich gut verstehen. Ich lese gerade ein Buch über Archimedes (Säulen im Sand von Gillian Bradshaw) und bei ihm war es so, dass wenn er was herausgefunden hatte und es dann z.B. in Form einer Maschine umgesetzt hatte, dann hat er sehr schnell das Interesse daran verloren. Und da denke ich, liegt eine wichtige Erkenntnis. Viel Menschen … und scheinbar: je klüger, desto eher … finden einfach den größten Reiz im Herausfinden von etwas … im Lernen. Wozu sollten wir auch ein so großes und leistungsfähiges Gehirn haben?

    Was mich aber bei aller (Er)Lernerei beruhigt, ist, dass wir immer irgendwas nicht können. Damit sind noch viel schöne Wonst-Festivals gerettet …

    Comment von Zellmi — Thursday, 18. Oct 2007 @520 @ 12:29

  8. Das ist ja wirklich eine tolle Idee. Gibt es schon eine homepage, wo man sich die Exponate anschauen kann? Wann und wo treffen sich denn die Wonstler im nächsten Jahr?

    Comment von Tschansko — Thursday, 18. Oct 2007 @785 @ 18:50

  9. wo’s wonst? hätte gern ne kontakt-e-mail oder website!?

    Comment von wonstinteressent — Tuesday, 13. Nov 2007 @013 @ 23:19

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