Tuesday, 13. Nov 2007 @150

Die Entwicklung hin zur Normalität der Vorratsdatenspeicherung. Oder: die vorauseilende Furcht

(Teil 1)

Als ich noch auf’s Gymnasium ging, irgendwann in der Mittelstufe, hatten wir mal eine Mathelehrerin, die unter rationalen Gesichtspunkten ganz klar als mindestens leicht neben der Spur bezeichnet werden kann. Als eindeutiges Überbleibsel der Hippie-Kultur zeichnete sie sich nicht zwingend durch eine reine Kernkompetenz aus - es konnte schon mal passieren, dass ihr die Klassenbesten einzelne Hausaufgaben vorrechnen mussten, weil sie nicht gesehen hatte, dass die Lösung im Lehrerbuch falsch war.

Sie machte mit uns eher esoterisch anmutende Exkurse, beispielsweise um uns den “goldenen Schnitt” näherzubringen, indem wir die goldene Mitte eines Körpers auf Papier kreativ gestalten durften, oder Entspannungsübungen durchführten, in deren Verlauf aus unseren Füßen “tiefe, tiefe Wurzeln” wuchsen. Naja, wie das bei Mittelstüflern so ist: nicht bei allen. Was auch eher zu Belustigung der Klasse führte.

Insgesamt aber kann und muss man sagen, dass die gute Frau versucht hat, uns fächerübergreifend zu interessieren (was bei so Mittelstüflern per se ja nicht einfach ist); uns offen zu halten für neue Sichtweisen - und unsere Mathefähigkeiten wurden immerhin auch dadurch gestärkt, dass wir merkten, dass auch Lehrerausgaben Fehler enthalten können, die einem vielleicht auffallen, wenn man mal selber überlegt.

Bis wir eines Tages plötzlich darüber informiert wurden, dass sie nun nicht mehr an unserer Schule arbeitet und uns unterrichtet.

Nun begab es sich zufällig, dass einige StufenkameradInnen und ich gerade die Schülerzeitung übernommen hatten. Wir hatten unsere erste, sehr unbeholfene Ausgabe hinter uns, nachdem alle, die die Zeitung zuvor erstellt hatten, mittlerweile von der Schule weg waren (Abi, andere Unwägbarkeiten). Die zweite Ausgabe stand bevor, als sich eben dieses Mysterium der plötzlich verschwundenen Lehrerin über uns ergoss.

Kurz zuvor hatte ein wesentlich jüngerer Schüler angefragt, ob er nicht ebenfalls mitarbeiten könne. Um nicht eine ähnliche Situation wie bei der Vorgänger-Redaktion zu erzeugen (alle aus einer Stufe, alle gleichzeitig weg), stimmten wir zu, dass er der nächsten Redaktionssitzung beiwohnen solle.

Zurück zur verschwundenen Lehrerin. Wir hatten sie zumindest sehr ins Herz geschlossen, und fanden es unfair, dass sie so sang- und klanglos verschwinden solte. Ein paar von uns hatten sie zwischenzeitlich privat getroffen, um wenigstens mal zu hören, ob alles in Ordnung ist. Und dann kam uns - während der Redaktionssitzung - der Gedanke, wir könnten doch wenigstens dazu aufrufen, eine Abschiedsfeier oder zumindest ein Abschiedstreffen zu organisieren, schließlich hatte die Gute einige Klassen betreut.

Mann, waren wir naiv.

Kurze Zeit später wurde die Redaktion vom Rektor zu einem Gespräch einbestellt. In Anwesenheit von zwei weiteren LehrerInnen, von denen einer das Gespräch führte, und die andere lediglich unsere Reaktionen beobachtete, wurden wir nachdrücklich darum gebeten, den Aufruf (der bislang nur in einer geschlossenen Sitzung besprochen war) nicht abzudrucken. Und keinen Kontakt mehr zu der Lehrerin herzustellen. Dies sei alles nur zu ihrem Besten; sie sei psychisch krank (OK) und bräuchte Hilfe, wir sollten das ganze doch bitte nicht weiter aufwühlen.

Nach dem Gespräch waren wir zunächst, vielleicht verständlicherweise, perplex. Redaktionsintern überlegten wir, der Aufforderung nicht nachzukommen. Mit welchen “Ex”-Lehrern wir privaten Kontakt halten oder nicht: unsere Entscheidung; die Aufforderung an die Schüler, der durchaus beliebten Lehrerin wenigstens einen würdigen Abschied zu vergönnen: das alles schien uns rechtens und richtig zu sein.

Kurze Zeit später wurde unsere Chefredakteurin zu einem ähnlichen Gespräch gebeten. Sie allein. Die Lehrerschaft wieder zu dritt. Und dann der stellvertretende Chef-Red. Die Gespräche allerdings waren anders. Es wurde relativ unverhohlen gedroht. In einer Situation, in der Lehrer und Direx für einen Mittelstufenschüler erstmal am längeren Hebel sitzen, kein schönes Szenario.

Es wurde klar: wir hatten einen Maulwurf in der Redaktion. Der Neue. Nach kurzer Recherche, die wir wohl mal besser im Vorfeld getätigt hätten, stellte sich raus, dass er Sohn eines Elternbeirats war. Der brav und gehorsam alles aus den Redaktionssitzungen seinen Eltern erzählt hatte. Die ihrerseits wieder brav und gehorsam alles direkt dem Direktor mitteilten.

Ohne Beweise steckten wir so in der Klemme, ihn nicht einfach rausschmeissen zu können - aber auch nichts mehr besprechen und schreiben zu können, ohne dabei bereits im Vorfeld mit Argusaugen überwacht zu werden. Und die Chef-Redaktion kam immer häufiger in den Genuss von Gesprächen mit dem Direktorat. Ohne, dass überhaupt eine zweite Ausgabe unserer Version der Schülerzeitung erschienen war. Wer am längeren Hebel sitzt, braucht nur Verdachtsmomente. Und selbst die nur zum Schein.

Wir taten, was wir damals für richtig hielten - angesichts der Tatsache, dass wir alle eigentlich vorhatten, das Abitur zu machen. Wir blieben ruhig und hielten unsere Klappen. Aber wenigstens nicht nur auf das vermeintlich harmlose Thema bezogen, nein: wir beschlossen, erst gar keine weitere Ausgabe zu veröffentlichen. Wir begruben die Schülerzeitung, da wir es als unmöglich empfanden, unter diesen Umständen weiter zu arbeiten. Und erzählten jedem, der es hören wollte, warum es dazu kam. In allen Details.

Aber schon damals wurde in uns die Furcht vor dem, was geschehen könnte, fest eingepflanzt. Und wir hatten den ersten Kampf verloren.

2:37 Uhr - Kategorien: Eher tragisch, Mein Stammtisch

2 Kommentare »

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  1. Man, bin ich naiv, dass ich von alle dem nichts mitbekommen habe oder mich einfach nicht mehr erinnern kann. Ich habe noch nichtmals eine Idee, wer die Lehrerin(nen) waren, lediglich Lord Helmchen meine ich in der Geschichte wieder erkannt zu haben ;-)

    Gedanken-/Redefreiheit? Von wegen!

    Comment von Falk — Tuesday, 13. Nov 2007 @860 @ 19:38

  2. Das klären wir dann vielleicht mal bei dem angedrohten Bierchen in absehbarer Zeit. Dann kippst Du nach hinten um (bei Eisenhelmchen war das ja zu erwarten, aber die anderen…) ;)

    Comment von diaet — Tuesday, 13. Nov 2007 @933 @ 21:24

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