Morgens an der Bushaltestelle.
Das Mädchen, welches bereits dort sitzt, während ich noch dahinschlendere, hat offenkundig ihr Mobiltelefon am Ohr. Ich schätze ihr Alter auf 14 bis 15. Wie bei der Beobachtung von Telefonaten üblich, bekomme ich nur Ihren Teil des Dialogs mit, der, ziemlich wörtlich, wie folgt lautet:
Ey, halt doch ma’ die Fressööö.
Ey, boah, was wollt ihr von mir???
(lauter) Ey, halt doch mal die Fressööö!
(viel lauter) Ey, halt doch mal die Fressööö!
Eine kurze visuelle Überprüfung ergibt, dass sie wirklich ein Handy an Ihrem Ohr hat. Sie bestätigt meine These, indem sie auflegt, das Telefon in die Hand nimmt, eine Nummer wählt. “Glück gehabt, Mädel”, denke ich mir. Obwohl mir der eine oder andere Facharzt für Schizophrenie mit Sicherheit auch noch eingefallen wäre. Ich beginne, nicht nur ihr Alter zu schätzen, sondern auch sie. Also ab. Abschätzig, meine ich.
Die Geschichte nimmt eine spannende Wendung: ihr Handy klingelt. Erstaunlicherweise ist der Klingelton weder ein übersteuertes Pseudo-Hip-Hop-mp3, noch eine fluchende bekiffte Weihnachtstasse (mit besoffenen Elchen drauf).
Sie eröffnet eloquent das Gespräch:
Ja?!
(lauter) Ey, halt doch mal die Klappööö! Ey, sei doch mal ruhisch!
Ich bin überrascht. Wider Erwarten scheint ein gewisser Grundwortschatz vorhanden zu sein… oder auch nicht:
(brüllt) Ey, halt doch mal die Fressööö!
Ich verkneife mir den Kommentar, hoffe inständig, dass der Gott, an den ich eigentlich gar nicht glaube, genug Hirn auf Vorrat hat, um es mal eben regnen zu lassen. Insgeheim hoffe ich, genau genommen, noch zu schlafen. Immerhin ist es erst kurz nach neun Uhr morgens, und die Kleine krakeelt, als wäre es halb fünf morgens, Schützenfest oder Karneval, und sie auf dem Rückweg von einer unsäglichen Dorfkneipe.
Bis dann der Gott (an den ich eigentlich gar nicht… s.o.) meine Hoffnung zertrümmert, und seine unglaubliche Definition von Humor in ihre nächste Zeilen verpackt, indem er sie die weiteren Hauptprotagonisten des Dialogs enthüllen lässt:
(brüllt) Ey, halt doch ma’ die Fressö, Kevin!
Sei ma’ ruhisch, gib mir ma’ die Jaqueline!
Selig steige ich in den Bus, wissend, dass mir RTL II und Konsorten nichts mehr anhaben können. Für diesen Tag. Bis ich wieder aufwache.