Wednesday, 19. Mar 2008 @076

Kaum ist man nicht mehr da…

…geht in der alten Heimat alles in die Luft. Gut, zum Glück nicht alles, und eigentlich war es auch schon gestern vorgestern, aber man kommt ja zu nix. Da war sogar der Jochen aus Berlin wesentlich schneller - der (aus einer außer-lokalen Warte, vor Ort ist die öffentliche Behandlung eher karg) die Risiken einer momentan geplanten und noch nicht verhinderten, risikoreichen CO-Pipeline mit Start im selben Gebiet ebenfalls nochmals aufzeigt.

Verwandte und bekannte Augenzeugen vor Ort sind meines Wissens wohlauf; trotz einer bis ins bergische Land (40km Luftlinie plus Berge dazwischen) sichtbaren Feuerwand war’s laut Orchidius auch nicht annähernd so “spooky”, wie damals die Öltanker-Explosion. Das war aber auch die wahrscheinlich schlimmste Nacht meines Lebens (und die vieler anderer): aufgeweckt durch einen Knall, der Häuser zittern ließ (und mich tatsächlich mit dem Gedanken begrüßte: “Scheiße, da ist jemand mit voller Wucht gegen Dein Fenster geflogen”); stundenlang fährt die Feuerwehr auf und ab, verkündet Warnungen; die gesamte Familie verbringt die Nacht mit feuchten Lappen vor den Atemöffnungen gemeinsam auf der Wohnzimmercouch. An Schlaf war nicht zu denken, nur an echte Angst.


Wochenlang roch es noch kilometerweit nach Benzin. Und unter uns Freunden und Verwandten wurde es zur gängigen Überlegung, wieviel und was da alles noch passiert, von dem man nichts mitbekommt, bloß, weil’s eben keinen Rumms gab, keine Feuerwehr, keine angstgetränkte Nacht auf der Couch. (Das nicht riechbare, nicht sichtbare Kohlenstoffmonoxid wäre für sowas ja zum Beispiel ebenfalls hervorragend gut.) Aber mir reichen beim jetzigen “Zwischenfall” auch schon Sätze wie

Die Polizei informierte am Ortseingang die Bürger, dass sie “auf eigene Gefahr” nach Worringen fahren.

um mich unbehaglich zu fühlen.

Natürlich passieren Unfälle. Aber erstaunlich finde ich schon, dass recht schnell, und mittlerweile schon wieder nicht mehr, auch in den regionalen (kommentierbaren) Medien häufig genug Kommentatoren auftauchen, die fragen, wer denn ernsthaft so blöd sei, sich neben einem Chemiepark wohnlich anzusiedeln, und dann nicht mit solchen gelegentlichen Unfällen zu rechnen (”Seid doch froh, dass es überhaupt noch Arbeitsplätze gibt, auch wenn’s mal kracht!” Hurra.) Meine Antwort wäre einfach gewesen: ich bin in der Nähe geboren, dort aufgewachsen, die eine Hälfte der Familie lebt seit mehreren Generationen dort. Im Endeffekt war der jetzige Chemiepark (und generell die Chemieindustrie) einer der Hauptgründe, warum aus einem Dorfverbund überhaupt eine Kleinstadt geworden ist. Viele Arbeitsplätze (das gilt dann allerdings nicht für meine Familie), früher sogar mal sehr gute, sichere; Wohnungsbau, Gründung und Sponsoring der Sportvereine, etc. pp.

Früher. Heimat. Schon mal gehört? (Und selbst für die später zugezogenen gab und gibt es gute Gründe: pendlerfreundlich zwischen zwei größeren Städten, viel Natur und Kleinstadtgefühl eben…)

Natürlich kann man Unfälle nicht verhindern. Dass allerdings Mitarbeiter der betroffenen Firmen (logischerweise eher unter vorgehaltener Hand am Tresen) darüber klagen, dass bei Personal und Sicherheitsmaßnahmen immer weiter gespart wird - gibt mir das ebenfalls zu denken, auch wenn es eine altbekannte Tatsache ist. Dass aus ehemals zwei großen Konzernen, die für alles Geschehen verantwortlich waren, nun lauter zersplitterte Tochterfirmen, Aufkäufer, Sparten geworden sind, die alle einzeln gewinnorientiert arbeiten müssen, macht die Situation mit Sicherheit nicht einfacher oder besser. (Außer für die Außendarstellung natürlich, bei der sich die Unfälle auf dementsprechend mehr Teilnehmer verteilen, und nicht mehr nur auf A und B - aber ich wollte hier eigentlich nicht zynisch werden.)

Falls jemand ein Fazit erwartet, so muss ich enttäuschen. Das einzige, was ich gerade geben könnte wäre:

Kaum ist man weg, und viele andere sind noch da, lässt es einen trotzdem nicht los. Und gibt einem zu denken.

0:50 Uhr - Kategorien: Eher tragisch, Mein Stammtisch

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