Ich war gerade beim ersten (sieht man von der Besetzungsauswahl im Schultheater ab) Casting meines Lebens.
Als Juror.
Klingt erstmal ein wenig lächerlich und albern? Dachte ich auch. Es ging auch nach Ansicht der Jury zwar nicht um Nichts - aber doch auch nur um einen Auftritt bei der nächsten Cocktail-Veranstaltung. Wir hatten keine hunderte Kandidaten zu “begutachten”, sondern zwölf. Niemand in der Jury konnte mehr Erfahrung oder Kompetenz aufweisen, als “hab das selber ein paar Jahre gemacht”, “leite das im Hintergrund” oder “mache selber Musik”. Und so waren wir als Jury auch der festen Überzeugung, da einen lustigen kleinen Abend zu machen, an dem die Jugendlichen mit Spaß teilnehmen - auch wenn wir uns vorgenommen hatten, uns wenigstens ernst gemeinte Notizen zu Ratschlägen zu machen, um das alles anschließend locker mit ihnen…
Doch dann kamen sie. Und sie waren nervös.
Nervös, als ginge es um die wichtigste Entscheidung ihres Lebens. Als säßen da Superstars in der Jury. Als würde am Wochenende drauf die ganze Nation ihren Sieg oder ihre Niederlage feiern.
Es gab das volle Programm: fast schon autistische Darbietungen, ohne uns anzusehen. Ultranervöse (immerhin 18-22jährige), die sieben Anläufe brauchen, um die erste Zeile rauszubekommen. Tolle Stimmen. Kandidaten, die nahezu hyperventilieren, und zwei Minuten brauchen, um überhaupt einen Ton von sich zu geben. Den, der meint, er könnte singen, weil das während des Handygedudels vielleicht nicht schlecht klang - der aber in Wirklichkeit den Text nur mithaucht. Die Band auf der Suche nach einem “echten” Sänger, die aber Acapella schon jetzt wunderschön mehrstimmig singt. Mit dem Bassisten und dem Keyboarder. Und bei fast allen immer wieder: diese unglaubliche Spannung und Aufgeregtheit.
Und wir, die wir sehr schnell merken mussten, wieviel mehr auch uns gerade abverlangt wird. Wieviel mehr Fingerspitzengefühl vor diesen blankliegenden Nerven. Trotz so einer “kleinen” Gelegenheit gerieten die meisten Kandidaten in einen Stress, der nur erahnen ließ, wie sich die Kandidaten bei einer großen Fernsehcastingshow fühlen müssen. Und wir hatten noch nicht mal Dieter Bohlen dabei.
Im Gegenzug aber auch: das Gefühl, verstehen zu können, dass einem nach dem werweißwievielten Kandidaten tatsächlich schwer fällt, die Contenance zu wahren, nett oder auch nur sachlich zu bleiben. Und wir hatten wie gesagt nur zwölf.
Ich hoffe, wir konnten wenigstens in diesem kleinen Kreis die Verantwortung wahrnehmen, mit der von uns noch nicht einmal jemand gerechnet hatte.
Castingshows sehe ich ab jetzt aber wirklich anders. Sehr anders.
(Kurze Nebennotiz: von 12 haben’s 8 weit genug geschafft, die jetzt massiv für die Cocktailcustic arbeiten müssen - natürlich mit Unterstützung und Leitung)





