Eigentlich wirkten sie gar nicht so. Im Gegenteil: das Plaudern mit dem komplett in Schwarz-Rot-Gold gehüllten Pärchen am Bahnhof war sehr entspannt. Über ein schönes Spiel haben wir uns alle gefreut; das türkische Mädchen, das herüberrief: “Scheiß Deutsche, warum habt ihr gewonnen?” war für alle Anwesenden der erste unentspannte Fall — aber sowohl sie als auch der ältere Herr, der daraufhin zu einer “Warum lebt ihr dann hier”-Tirade ansetzen wollte, ließen sich von uns schnell wieder vom Politikum auf den Ball und das Spiel zurückbringen.
Ich lieh dem Pärchen mein Handy, damit sie einen Kumpel für einen Rückruf anklingeln konnten. Vergnügt stiegen wir, die wir uns vorher nicht kannten, in die gemeinsame Bahn, setzten uns auf die freien Plätze gegenüber.
Zwei Stationen nach der Abfahrt und einen kurzen Plausch zwischen den beiden später sagt er plötzlich: “Aber dafür, dass das eigentlich eure C-Auswahl war, habt ihr uns ganz schön eingeheizt!” Zuerst fühle ich mich nicht angesprochen, merke aber, dass er doch mich meint. Nach kurzer Bedenksekunde schaltet mein Gehirn mögliche Optionen frei, ich antworte: “Ähhh. Das rot-weiße T-Shirt hat übrigens nur mit einer Band zu tun. Lass Dich da mal nicht von verwirren.”
Er zurück: “Nee stimmt, deine Aussprache und so… man merkt, das Du schon einige Jahre hier bist.”
Ich (teilperplex nach kurzer Pause): “Äh, ja, kein Wunder - ich bin ja auch hier geboren.”
Sie schaltet sich ein: “Ja, wir sind ja auch alle irgendwie von hier.”
…
Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich sie an diesem Punkt hätte aufklären sollen, dass ich meines Wissens höchstens ein Bastard aus einem Rheinländer und einer Westfälin bin. Noch weniger weiß ich, ob ich sie hätte aufklären sollen. Was hätte es gebracht, klarzustellen, dass ich noch nicht einmal sagen könnte, wann irgendwelche Verwandten von mir aus irgendeinem “Ausland” gekommen sein könnten - oder eben auch nicht? Dem unbewusst ausgesprochenen “Wir und die” zu widersprechen?
Einen ganz kleinen, sekundenlangen Eindruck habe ich gewonnen.
Nicht, dass ich ihn zum allerersten Mal erlebt hätte (die generelle Kategorisierung “die Schwulen” hat mit Sicherheit nicht nur mir mal zu schaffen gemacht). Aber wie tief diese Trennung nach so oberflächlichen Kriterien sitzt, hat mich, so naiv es wohl ist, absolut sprachlos hinterlassen. “Wir” sind wohl immer noch nicht so weit.
“Sie sprechen aber ein gutes Deutsch!” — “Danke, ich wünschte, das könnte ich von Ihnen auch behaupten.”
— Fatih Çevikkollu




