Thursday, 26. Jun 2008 @047

Wir und die

Eigentlich wirkten sie gar nicht so. Im Gegenteil: das Plaudern mit dem komplett in Schwarz-Rot-Gold gehüllten Pärchen am Bahnhof war sehr entspannt. Über ein schönes Spiel haben wir uns alle gefreut; das türkische Mädchen, das herüberrief: “Scheiß Deutsche, warum habt ihr gewonnen?” war für alle Anwesenden der erste unentspannte Fall — aber sowohl sie als auch der ältere Herr, der daraufhin zu einer “Warum lebt ihr dann hier”-Tirade ansetzen wollte, ließen sich von uns schnell wieder vom Politikum auf den Ball und das Spiel zurückbringen.

Ich lieh dem Pärchen mein Handy, damit sie einen Kumpel für einen Rückruf anklingeln konnten. Vergnügt stiegen wir, die wir uns vorher nicht kannten, in die gemeinsame Bahn, setzten uns auf die freien Plätze gegenüber.

Zwei Stationen nach der Abfahrt und einen kurzen Plausch zwischen den beiden später sagt er plötzlich: “Aber dafür, dass das eigentlich eure C-Auswahl war, habt ihr uns ganz schön eingeheizt!” Zuerst fühle ich mich nicht angesprochen, merke aber, dass er doch mich meint. Nach kurzer Bedenksekunde schaltet mein Gehirn mögliche Optionen frei, ich antworte: “Ähhh. Das rot-weiße T-Shirt hat übrigens nur mit einer Band zu tun. Lass Dich da mal nicht von verwirren.”

Er zurück: “Nee stimmt, deine Aussprache und so… man merkt, das Du schon einige Jahre hier bist.”
Ich (teilperplex nach kurzer Pause): “Äh, ja, kein Wunder - ich bin ja auch hier geboren.”
Sie schaltet sich ein: “Ja, wir sind ja auch alle irgendwie von hier.”

Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich sie an diesem Punkt hätte aufklären sollen, dass ich meines Wissens höchstens ein Bastard aus einem Rheinländer und einer Westfälin bin. Noch weniger weiß ich, ob ich sie hätte aufklären sollen. Was hätte es gebracht, klarzustellen, dass ich noch nicht einmal sagen könnte, wann irgendwelche Verwandten von mir aus irgendeinem “Ausland” gekommen sein könnten - oder eben auch nicht? Dem unbewusst ausgesprochenen “Wir und die” zu widersprechen?

Einen ganz kleinen, sekundenlangen Eindruck habe ich gewonnen.

Nicht, dass ich ihn zum allerersten Mal erlebt hätte (die generelle Kategorisierung “die Schwulen” hat mit Sicherheit nicht nur mir mal zu schaffen gemacht). Aber wie tief diese Trennung nach so oberflächlichen Kriterien sitzt, hat mich, so naiv es wohl ist, absolut sprachlos hinterlassen. “Wir” sind wohl immer noch nicht so weit.

“Sie sprechen aber ein gutes Deutsch!” — “Danke, ich wünschte, das könnte ich von Ihnen auch behaupten.”
— Fatih Çevikkollu

1:08 Uhr - Kategorien: Eher tragisch, Mein Stammtisch

Friday, 6. Jun 2008 @810

Ich bin schwul und eher links

Wollte ich nur mal, der Einfachheit halber, schriftlich (naja) fixieren. Nein, nicht für meine Einfachheit, sondern:

Im Rahmen eines Sicherheitsabkommens will die Bundesregierung umfangreiche Daten zu Gewerkschaftsmitgliedschaft und sexueller Orientierung von Bürgern, die möglicherweise Terroranschläge planen könnten, an die USA liefern. Der Bundestag wurde erst nach der Paraphierung informiert.

Super, oder? Jetzt könnt ihr euch das tolle Profiling schenken, ihr Arschgeigen, ich sag’s euch selbst.

Und alles andere würde ich gerne schreiben, kann aber nicht - weil mir tatsächlich erneut die Worte fehlen, und ich nicht zu Gewalttaten anstacheln möchte. So bin ich nämlich eigentlich nicht. Es sei denn, man lässt mir keine Wahl.

Sehr geehrter chattender Herr oder Frau MitbürgerIn

wenn Du/Sie schon buchstäblich nach
rELAX; tAKE IT eASY melodie
suchst, würde ich gleich die nächste Suche empfehlen:

“gefraggte GROß-klein-tASTE”

0:21 Uhr - Kategorien: Kuriosa, Eher tragisch, Googlehupf

Saturday, 31. May 2008 @963

Klammern und andere Beziehungskiller

Mein Sohn ist sechs! Seine Freundin auch. Beide haben von Freitag auf Samstag bei mir geschlafen. Sie haben nett miteinander gespielt, zunächst Playmobil dann diverse Brettspiele, selbst den Beziehungskiller “Mensch ärger dich nicht” haben sie ohne Blutvergießen zu Ende gebracht. Es war sehr trügerisch harmonisch. Doch je später es wurde desto mehr hatte die Freundin Interesse daran die Moosgummi Schwerter an den Nagel zu hängen und zu kuscheln. Dieses kuscheln hatte aber dann doch eigentlich mehr was von erwürgen, so dass mein Sohn irgendwann erwähnen musste, dass sie es doch ein wenig übertreibe. Sie hat es dann auch eingesehen und der Abend ist ohne nennenswerte Vorfälle zu Ende gegangen. Am nächsten Morgen (sprich Heute) haben wir sie dann nach dem Frühstück wieder nach Hause gebracht. Auf die Frage ob er seine Freundin denn nochmal einladen möchte sagte er nach reifer Überlegung, dass er das schon gerne möchte auch wenn sie ihn immer so fest drücke und er das nicht so mag aber was er als viel schlimmer empfunden hat war die Tatsache, dass das Mädchen bei jedem Spiel Gelb haben wollte und noch ein Tag an dem er immer nur gegen die gelben Spielsteine antreten muss könne er sich nur schwer vorstellen…
Ich habe es ihm nicht gesagt, aber genau diese trivialen tiefgründigen Probleme sind es, die Beziehungen scheitern lassen.

Forsberg

23:07 Uhr - Kategorien: Misc, Eher tragisch

Friday, 23. May 2008 @945

Uarghs

Mail vom Axel-Springer-Verlag bekommen.

Zum Glück nur auf die allgemeine Firmenadresse, vermutlich weil wir in Köln sitzen, öfter was für schwul-lesbische Vereine und ähnliches machen, und die irgendein komisches CSD-Special mit vier großen Buchstaben herausgeben, in dem wir doch bitte Werbung schalten sollen dürfen.

Trotzdem.

Ach nee: deswegen. Uarghs.

22:41 Uhr - Kategorien: Misc, Eher tragisch

Tuesday, 6. May 2008 @935

Tagebuch des Entsetzens

Gerade ernsthaft im Gespräch laut darüber nachgedacht, eventuell kleine Buchsbäumchen an die Ecken der Dachterrasse zu stellen.

Werde spießig. Scheiße.

22:26 Uhr - Kategorien: Misc, Eher tragisch, Stoned

Thursday, 3. Apr 2008 @940

Your Horrorscope for today

Gut, dass mein Magen-Darm-Virus mich schon kotzen ließ. So muss ich wenigstens nur noch das Fressen selber erledigen.

Wednesday, 19. Mar 2008 @076

Kaum ist man nicht mehr da…

…geht in der alten Heimat alles in die Luft. Gut, zum Glück nicht alles, und eigentlich war es auch schon gestern vorgestern, aber man kommt ja zu nix. Da war sogar der Jochen aus Berlin wesentlich schneller - der (aus einer außer-lokalen Warte, vor Ort ist die öffentliche Behandlung eher karg) die Risiken einer momentan geplanten und noch nicht verhinderten, risikoreichen CO-Pipeline mit Start im selben Gebiet ebenfalls nochmals aufzeigt.

Verwandte und bekannte Augenzeugen vor Ort sind meines Wissens wohlauf; trotz einer bis ins bergische Land (40km Luftlinie plus Berge dazwischen) sichtbaren Feuerwand war’s laut Orchidius auch nicht annähernd so “spooky”, wie damals die Öltanker-Explosion. Das war aber auch die wahrscheinlich schlimmste Nacht meines Lebens (und die vieler anderer): aufgeweckt durch einen Knall, der Häuser zittern ließ (und mich tatsächlich mit dem Gedanken begrüßte: “Scheiße, da ist jemand mit voller Wucht gegen Dein Fenster geflogen”); stundenlang fährt die Feuerwehr auf und ab, verkündet Warnungen; die gesamte Familie verbringt die Nacht mit feuchten Lappen vor den Atemöffnungen gemeinsam auf der Wohnzimmercouch. An Schlaf war nicht zu denken, nur an echte Angst.

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0:50 Uhr - Kategorien: Eher tragisch, Mein Stammtisch

Friday, 7. Mar 2008 @686

Blöde Gründe, 1000 bereits gedruckte Flyer einzustampfen

#487: Kunde übersieht vom ersten Entwurf bis hin zur Abnahme, dass bei einem Preis eine “1″ steht, wo eigentlich eine “2″ hätte stehen sollen.

Zusätzlicher Hinweis, der die Dramatik nachträglich erhöht: die eins stand beim Preis vorne. Und vor dem Komma waren immerhin vier Stellen.

15:28 Uhr - Kategorien: ADT - Aufreger des Tages, Eher tragisch

Tuesday, 19. Feb 2008 @085

Da ist so ein kleiner Pawlowscher Hund

Der freut sich derzeit sabbernd über jedes noch so kleine Lob, jeden noch so kleinen Erfolg. Vermutlich, weil er gleichzeitig Angst vor allem anderen hat; weil er sonst häufig getreten wird. Zumindest glaubt er das, weil es in der Vergangenheit so oft der Fall war.

Er winselt und bettelt nach jedem Fitzelchen Bestätigung, und bekommt nicht genug davon. Er weiß, dass er versucht, alles nach seinem besten Wissen und Gewissen richtig zu machen. Aber manchmal ist er nicht sicher, ob er die Versuchsanordnung wirklich durchschaut hat. Es wirkt nicht immer so.

Vielleicht muss er öfter Gassi gehen. In für ihn unbekannte Gefilde, an neue Häuserecken, neue Straßen entlang.

1:02 Uhr - Kategorien: Eher tragisch, Stoned